Kommt es derzeit nach der Trennung/Scheidung zur Frage: “Was ist wichtiger für das Kind? Dass es trotz Trennung Vater und Mutter im Alltag erleben kann, oder dass es einen fixen Wohnplatz hat?” So entscheidet die Gesellschaft ganz klar. Die Wohnung ist wichtiger. Absurd, oder?
Ist es nicht eigenartig, wenn es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass einer dem Kind fremden Person (z.B. Tagesmutter, Kindergärtnerin), mit größter Selbstverständlichkeit in dessen Leben sehr viel Platz eingeräumt wird, der getrennt lebende Elternteil aber zeitlich auf 14-tägige Kontakte beschränkt bleiben soll.
Dort wo Macht einseitig verteilt wird, wir sie oft zum eigenen Vorteil benützt, führt zu Spannungen und nicht selten zum Krieg. Warum sollte dies bei Eltern anders sein - Stichwort Rosenkrieg. Trennung bedeutet meist eine zutiefst narzisstische Kränkung. In dieser Phase hat ein Elternteil alle Macht, die er dazu nützen kann den anderen am empfindlichsten Punkt zu treffen - dem eigenen Kind.
Derzeit wird einem Elternteil de facto (nicht de jure) das alleinige Recht übertragen, darüber zu entscheiden ob, wie lange, wie oft, mit wem, in welchen Zeitabständen und wie Besuchskontakte auszusehen haben. Hält sich der Besuchselternteil nicht an dieses Diktat, wird oft mit der Einschränkung oder dem völligen Abbruch der Besuchskontakte gedroht. Schon kleinste Abweichungen von der Meinung des Obsorgeberechtigten können dazu führen. Das Gefühl entmündigt zu sein und permanente Anspannung sind die Folgen.
Die Gesellschaft erwartet und fordert von Vätern - zu Recht - das selbe Engagement gegenüber ihren Kindern, wie von Müttern - bei aufrechter Ehe.
Kommt es jedoch zur Trennung steht der Rückfall in tradierte Rollenmuster außer Frage. Verfechter dieser Regelung glauben damit Kindesinteressen zu schützen und merken nicht, dass es sowohl an diesen, als auch an gesellschaftlichen Realitäten vorbeigeht.
Muttermythos. Die Gesellschaft erwartet von der Frau, dass sie die Trennungstraumatas der Kinder allein in den Griff bekommt. Geringere Karrierechancen, weniger Einkommen und eine schlechtere Altersvorsorge sollten für sie nebenbei auch kein Problem darstellen. Und wenn sie dann, alleingelassen mit ihren pubertierenden Kindern scheitert geiselt man sie, ob ihrer erzieherischen Inkompetenz. So einfach ist das. Oder?
Väter nehmen ihre Verantwortung gegenüber dem eigenen Kind oft nicht wahr. Es gibt viele Mütter die den Vater nach der Trennung gerne mehr im Leben der Kinder integriert haben möchten, aber auf eine “Mauer” stoßen.
Eine Dekonstruktion des Frauen- und Männerbildes ist an der Zeit.
In den meisten Ländern Europas ist das Lebensmodell der Doppelresidenz längst gesetzliche Realität. In Belgien ist die Doppelresidenz das prioritäre Modell nach der Trennung. Von diesem darf erst abgegangen werden, wenn nachgewiesen wird, dass es dem Kind zum Nachteil gereicht.
In Schweden wird dem Elternteil die Obsorge entzogen, der den Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil behindert. Nach Einführung dieser gesetzlichen Regelung sanken die Abbrüche von Besuchskontakten radikal.