Familie C

Meine Geschichte 
aus der Sicht einer Mutter erzählt. (auf Wunsch der handelnden Personen ist der Bericht anonymisiert .)

Ich habe zwei Töchter 21 und 11 Jahre alt und ich möchte mit der Geschichte der älteren beginnen, die mittlerweile schon ausgezogen ist.

 Ich war damals 18 Jahre alt als ich im Sommer vor der Matura schwanger wurde. Für meinen Lebensabschnittspartner Nr. 1 (LAP1) und mich war damals ganz klar (erste große Liebe) das Kind zu bekommen und genauso klar war es für uns, dass alte Rollenklischees von wegen „Frau ist für das Kind zuständig und Papa verdient das Geld“, nicht auf uns zutreffen. Von Anfang an waren wir beide für die Tochter 1 zuständig und von Anfang an hatte die diese zwei gleichwertige, und gleich wichtige Elternteile.

Unsere Paarbeziehung ist ein Jahr nach ihrer Geburt in die Brüche gegangen und wir suchten einen Weg, der diese Gleichwertigkeit weiterhin gewährleistete. Es war uns klar, dass dies bedeutet, dass das Kind ungefähr gleich viel Zeit mit beiden Elternteilen verbringt, in beiden Elternwohnungen ein eigenes Zimmer hat und sowohl Freizeit als auch Alltag mit beiden Eltern teilt.

Für mich als Frau und Mutter einer Tochter war es ganz besonders wichtig darauf zu achten, dass mein Mädchen die Beziehung zu LAP1 weiterhin gut leben konnte. Es erfüllte mich mit „Mutterglück“ zu sehen wie stolz und voll Liebe er ihr gegenüber auftrat, vor allem weil ich selbst ganz ohne Papa aufgewachsen bin und wusste, dass es etwas zu Entbehrendes ist, wenn man niemandes „Prinzessin“ ist.

Da wir auch nach der Trennung noch einen freundschaftlichen Kontakt hatten, konnten wir uns immer sehr leicht über die Aufteilung einigen. In der Kindergartenzeit war sie von Montag bis Freitag Früh bei mir, von Freitag Nachmittag bis Sonntag Abend bei LAP 1.

In der Volksschule wechselten wir auf eine halbe Woche bei mir, eine halbe Woche bei ihm und die Wochenenden abwechselnd und ab dem ersten Gymnasium gingen wir zu einem wöchentlichen Wechsel über. Als unsere Tochter mit 15 Jahren auf die Höhere Grafische Lehranstalt ging und sehr viel Zeug zum Siedeln hatte (Zeichenbrett, Zeichenmappe, Computer,…) änderten wir das Modell auf ihren Wunsch hin, auf einen vierzehntägigen Wechsel. Wir konnten den Wechsel immer nach den jeweiligen Bedürfnissen von uns dreien organisieren. Als ich z. B. kurz vor der Beendigung meines Studiums war, bat ich LAP 1 sie für zwei Monate zu sich zu nehmen, um meine Abschlussarbeit zügig zu Ende bringen zu können.

Ich habe mich nie als Alleinerzieherin gefühlt, da LAP1 immer genauso viel an Nähe und Beziehung zu unserer Tochter hatte wie ich. Ich musste auch Entscheidungen wie die Wahl der Schule, oder irgendwelche Erziehungsprobleme nie alleine lösen. Wir tauschten uns immer aus und trafen die Entscheidungen gemeinsam. Das war für mich sehr entlastend.

Manchmal kam es zu Situationen in denen ich den Eindruck hatte, dass mich meine Freundinnen, die in einer funktionierenden Beziehung ihre Kinder groß zogen, beneideten, weil ich immer schon über viel mehr eigene Zeit verfügte als diese.

Unsere Tochter konnte so mit zwei Menschen an ihrer Seite aufwachsen, die ihr 100%ig zur Seite standen. Dies war mir auch deshalb so wichtig, weil ich nach der Trennung wechselnde Beziehungen hatte. Für Johanna blieben aber ihr Papa und ich ganz klar die Hauptbezugspersonen in ihrem Leben und sie hatte dadurch große Stabilität. Dies bestätigten auch die Rückmeldungen von Seiten der Menschen und Lehrerinnen, die mit unserer Tochter zu tun hatten, vom Kindergarten bis zum Gymnasium.

Im Nachhinein betrachtet, konnte ich auch in den Zeiten, in denen meine Tochter nicht bei mir war, sehr gut das „Loslassen“ üben. Und trotzdem war es ein kleineres Erdbeben in meinem Leben, als sie nach der Matura ein halbes Jahr nach Südafrika gegangen ist und unmittelbar nach ihrer Rückkehr ausgezogen ist. Aber es hat mir geholfen, die Freiräume, die entstehen, wenn Kinder erwachsen werden, zu erkennen und für mich gut zu nutzen und wieder mit Eigenem zu füllen.

Mit 28 Jahren bekam ich dann mit meinem LAP 2 meine zweite Tochter. Aus der Erfahrung, dass eine klare Aufteilung und Einteilung mehr Freiraum für beide Elternteile bringt, legten wir bald einmal „meine Tage“ und „seine Tage“ an denen wir für unser kleines Töchterchen zuständig waren, fest. Natürlich gab es auch gemeinsame Tage.

Nach drei Jahren war unsere Beziehung in einer großen Krise und LAP 2 zog in eine eigene Wohnung. Durch den getrennten Alltag verschwanden viele Alltagsprobleme aus unserer Beziehung und wir lebten unsere Beziehung mit Kind in zwei Wohnungen weiter. Man könnte also von einem Doppelresidenzmodell mit bestehender Beziehung reden. Das gerechte Teilen von Erziehungsverantwortung ist bei meiner  großen Tochter schon so gut gelaufen und so ist eine andere Lösung gar nie zur Diskussion gestanden.

Als Tochter 2 neun Jahre alt war trennten wir uns. Dadurch, dass sie schon seit sechs Jahren sowohl in der Wohnung vom Papa und bei mir gewohnt hat, war es für sie keine große Umstellung mehr. Das einzige was wegfiel waren die Streitereien.

Zur Zeit ist immer der Freitag Nachmittag der Tag an dem sie wechselt, die Person zu der sie siedelt holt sie ab. Sie hat das Packen mittlerweile recht gut im Griff und falls etwas vergessen wurde kann sie es ja unter der Woche holen, da sie ja beide Schlüssel hat.

Die finanzielle Regelung war bei beiden Töchtern folgendermaßen: Die Kinderbeihilfe bekomme ich, ansonsten werden keine Alimente gezahlt, da ja jeder gleich viel betreut, kocht und Miete zahlt. Die Ausgaben für das Kind – von Gewand, über Spiele bis zum Schulschikurs – werden auf einer Liste festgehalten und alle paar Monate abgerechnet. Jeder Elternteil zahlt die Hälfte und die angeschafften Dinge gehören dem Kind, d.h. dass auch das Kind bestimmen darf, ob das angeschaffte Zeug in die andere Wohnung mitkommt oder nicht.

Ich muss schon sagen, dass es Zeiten, in denen ich einfach viel weniger verdient habe, als die Väter meiner Töchter, gab und dadurch für mich das „halbe Paar Schuhe“ einfach teurer, bzw. schwerer zu leisten war als für sie. Mittlerweile hat sich diese Situation fast ausgeglichen.

Ein paar abschließende Gedanken aus feministischer Sicht:

Ich gehe davon aus, dass das Begleiten von Kindern und Jugendlichen ins Erwachsenenleben eine Tätigkeit ist, die von Frauen wie von Männern ausgefüllt und erfüllt werden kann und soll. Wenn innerhalb von bestehenden Beziehungen diese gerechte Aufteilung zum Wohle des Kindes, zum Wohle der Frauen und zum Wohle der Männer als heutzutage selbstverständlich angesehen wird, so ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum das plötzlich nach einer Trennung anders sein sollte.

Gerade für Frauen ist es wichtig nicht nur in ihre Mutterrolle gedrängt zu werden. Frauen haben sehr wohl auch das Recht auf einen Job und auf Zeit für sich selbst. Diese können sie wesentlich leichter haben, wenn sie auch nach der Trennung den Vätern die halbe Verantwortung für die Kinder überlassen, vorausgesetzt, diese übernehmen sie auch.

Das automatische „die Kinder gehören zur Mutter“ ist zwar vielleicht zu Beginn ein Machtgewinn, stellt sich aber ganz bald als Fessel heraus, die es Frauen unmöglich macht aus ihrer gesellschaftlich benachteiligten Rolle herauszutreten. Frauen und Männer verstehen vielleicht unter „Verantwortung für Kinder übernehmen“ manchmal etwas anderes, aber das erleben dieser Vielfalt kann für die Kinder sehr förderlich sein und ihnen unterschiedliche Welten zeigen.

Familie B

Meine Geschichte

Unser Sohn ist am 23.2.1999 geboren. Mit der Mutter war ich seit 1991 liiert, 1997 heirateten wir.

Er war von beiden Seiten ein Wunschkind. Die ersten 1,5 Jahre war die Mutter in Karenz, wobei ich mit einer Halbtagsverpflichtung für die Stadt Wien arbeitete und so häufig auch unter der Woche gemeinsam für das Kind sorgen konnte, beziehungsweise wir uns gegenseitig entlasteten.

Im Zeitraum von 1,5 – 2 Jahren war ich in Karenz und meine Frau arbeitete ebenso halbtags. Danach deckten wir die Woche etwa im Rhythmus MO Vater, DI Mutter MI Vater, DO Mutter, FR gemeinsam ab, zusätzlich unterstützt durch beginnende Vormittagsbetreuung im öffentlichen Kindergarten.

Nach längerer Abwägung von beiden Seiten, auch nach einer Unterstützung durch eine Paartherapie, entschlossen wir uns beide im Herbst 2004 zur Trennung (das Kind war 5 Jahre alt). Etwa um Weihnachten erfolgte der Umzug der Mutter in eine neue Wohnung. Ab diesem Zeitpunkt entschieden wir uns, von dem zuvor etablierten Wochenrhythmus in der Kinderbetreuung etwas abzuweichen. Für die Mutter war eine Fortführung der Betreuung etwa im Verhältnis 50:50 nicht denkbar und so fügte ich mich dem Kompromiss, meinen Sohn von nun an jeden MO mit Übernachtung, sowie jeden MI mit abendlicher Übergabe und einem gemeinsamen Abendessen (auch für Austausch und Terminplanung zwischen den Eltern) bei der Mutter, zu übernehmen. Bezüglich der Wochenendregelung bekam jeder ein langes WE pro Monat (FR – SO) mit unserem Sohn, sowie den Rest flexibel geteilter Wochenenden (FR – SA, SA – SO).

Für die Regelung von Urlauben entschieden wir uns für je eine Weihnachtswoche, abwechselnd Oster- oder Semesterferien, sowie einen zweiwöchigen Urlaub für jeden im Sommer.

Etwa alle 1-2 Monate, vereinbarten wir nach Maßgabe aller beruflicher und privater Verpflichtungen, eine passende Regelung der kommenden Monate. Nach diesem Plan konnte ich meinen Sohn im Durchschnitt mindestens 2 – 5 Tage pro Woche sehen, was ich für sein damaliges Alter für sehr wichtig empfand. Auch die Mutter konnte sehen, dass all zu lange Pausen, etwa bei Urlauben (zirka 2 WO), für unseren Sohn eher belastend waren.

Kurz nach der Trennung meldeten wir unseren Sohn in einer Rainbow-Gruppe an, die er recht gern besuchte.

Die eigentliche Scheidung erfolgte erst ca. 1,5 Jahre später, da wir vorerst unsere gelebte Regelung ausprobieren wollten und erst nach der Erfahrung, dass sich diese Regelung bewährte, vor das Gericht treten wollten.

Im Scheidungsvergleich behielten wir die gemeinsame Obsorge, der Hauptwohnsitz war der Mutter zugeteilt worden, der Sohn war bei mir nebengemeldet. Ich verpflichtete mich zur Zahlung von Kindesunterhalt nach den offiziellen Einschätzungen für die Mindestkosten für ein Kind seines Alters.

Diese Regelung funktioniert im wesentlichen bis heute unverändert.

Wir wohnen beide im selben Bezirk, seine Volksschule liegt in etwa in der Mitte zwischen unseren Wohnsitzen.

Bei längeren Zeiten, die der Sohn bei mir verbringt, fungiert der gemeinsame Mittwoch Abend auch als Übergabetermin der notwendigen Utensilien (Wäsche, Game-Boy, Skizeug, etc. …).

Wichtig erscheint mir auch das gemeinsame Abstimmen beim Umgang mit Einschlaf-, Fernseh- und Schul- und Lernroutinen, sowie ein andauernder Dialog zwischen den Eltern über die jeweiligen Beobachtungen und Einschätzungen das Kind betreffend.

Ich denke, dass unser Kind aufgrund seiner Vorerfahrung des häufigen Wechsels des jeweiligen Elternteils bei der Betreuung an diese Kontinuität anschließen konnte.

Heute scheint er sich, als mittlerweile Neunjähriger, gut mit dem Konzept auszukennen und sich jeweils von den unterschiedlichen Umfeldern, das zu holen, was er an verschiedenen Qualitäten jeweils bekommen kann.

Eine gewisse Sehnsucht unseres Sohnes bleibt, dass eines Tages sowohl Mama und Papa in ein großes Haus einziehen werden und wir dort alle gemeinsam leben, auch nachdem wir beide mittlerweile neue Lebensgefährten haben und er diese und auch deren familiäres Umfeld (deren Kinder) kennengelernt hat.

Wesentlich erscheint mir, dass für unser Kind nie die Gefahr, oder die Angst eines Beziehungsabbruchs zu einem Elternteil bestanden hatte, da er sich auf einen verlässlichen, kontinuierlichen und engen Betreuungsrahmen verlassen konnte, an den wir uns als Eltern sehr genau (fast rigide) halten (z.B. Pünktlichkeit bei Übergaben).

Auch das Erleben von gemeinsam verbrachter Zeit (z.B. Weihnachtsfeier), oder das gemeinsame Auftreten etwa bei schulischen Veranstaltungen, aber auch das gegenseitige Helfen bei Schwierigkeiten dürfte ihn sehr stabilisieren.