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Gleiche Verantwortung der Eltern auch nach der Trennung

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Anton Pototschnig

Posts by Anton Pototschnig

Patchworks. Über das Leben mit Kindern nach der Trennung der Eltern.

Patchworks. Über das Leben mit Kindern nach der Trennung der Eltern.

6. September 2008 Newsletter abonnieren

Der Text wurde von Univ.-Prof., Reinhard Sieder am 30.8.08 in der Tageszeitung „DerStandart“ veröffentlicht und von ihm der Plattform Doppelresidenz zur Verfügung gestellt.

Reinhard Sieder ist Dozent in der Ausbildung von System-, Paar- und Familientherapeuten. Weiters Sozialhistoriker und Familiensoziologe an der Uni Wien.

Patchworks. Über das Leben mit Kindern nach der Trennung der Eltern.

Die jüngst berichteten Zahlen überraschen niemanden mehr. Wer hätte auch anderes erwartet. Von 2000 bis 2007 kletterte die Gesamtscheidungsrate in Österreich von 43,1 auf fast 50 Prozent. Die Zahl der pro Jahr betroffenen Kinder hingegen fiel von 22.271 auf 21.061, ein Effekt der gesunkenen Geburtenraten (Statistik Austria). Wie verändern die Scheidungen das Zusammenleben von Eltern und Kindern? Produziert die Gesellschaft tatsächlich jedes Jahr mehr als 20.000 „Scheidungswaisen“? Verlieren die Kinder einen Elternteil – oder gestalten Eltern und Kinder das Familienleben neu?

An einer Ausgangsbedingung ist nicht zu zweifeln: Das Kind liebt seine Eltern und will sie beide behalten. Trennen sich Eltern, sind sie grundsätzlich verpflichtet zu erwägen, wie sie dem Kind ein Familienleben mit beiden Eltern organisieren können. Zunächst geht es dabei – ganz pragmatisch – um die Wohnform. Doch mit ihr verbinden sich verschiedene Möglichkeiten, die Beziehungen zwischen den Eltern und dem Kind zu gestalten. Die folgende Checkliste kann Eltern dabei helfen, die für sie und ihre Kinder richtige Wohnform zu wählen.

Doppelresidenz, Nest oder Besuchsfamilie?

Zunächst sollten sie gemeinsam erörtern: Spricht etwas dagegen, dass unser Kind abwechselnd bei Mutter und Vater lebt? Dass es also zwei Zuhause erhält? (Modell Doppelresidenz) Wichtig ist hier, dass Mutter und Vater abwechselnd die elterlichen Aufgaben voll und ganz übernehmen und sich dabei unterstützen. Oder spricht etwas für das Nest-Modell? Hier bleiben die Kinder in der Familienwohnung, Mutter und Vater beziehen eigene Wohnungen und kehren abwechselnd in das Nest zurück, um mit den Kindern zu leben und für sie zu sorgen. Das Nest-Modell bietet sich an, wenn mit der (ehemals) ehelichen Wohnung besondere Vorteile für das Kind, etwa das nachbarliche Umfeld, die Haustiere, die Nähe zu Kindergarten und Schule etc. verbunden sind. Ein Nachteil sind die hohen Kosten. Neben der Nest-Wohnung müssen zwei weitere Wohnungen für die getrennten Eltern finanziert werden.

Erscheint weder die Doppelresidenz noch das Nest realisierbar, bleibt die Möglichkeit, bei jenem Elternteil, der den Familienhaushalt verlässt, eine Besuchsfamilie einzurichten. Das Kind kann sich auch hier beider Eltern sicher sein, sofern sich der besuchte Elternteil, meistens der Vater, hinreichend Zeit nimmt und ein eigenes Kinderzimmer oder zumindest ein eigenes Bett und eine Spiel- oder Lernecke vorsieht. Da die Besuchsfamilie möglichst alltägliche Züge annehmen soll, empfiehlt es sich, dass das Kind nicht nur am Wochenende, sondern jeweils über mehrere Tage, auch Wochentage, hier wohnt.

Die meisten Eltern entscheiden sich für die Besuchsfamilie, beschränken sie jedoch sehr oft auf die Wochenenden. Die Motive für diese Entscheidung sind sehr verschieden. Vielen scheint es natürlich, dass das Kind überwiegend im Haushalt der Mutter lebt. Sie gehen davon aus, dass die Mutter auch künftig den weitaus größeren Teil der Eltern- und der Hausarbeit leisten wird. Zu wenige Eltern überlegen ernsthaft: Wer von uns beiden kann am besten garantieren, dass das Kind regelmäßig mit der Mutter und mit dem Vater leben wird? Welcher Elternteil kann aufgrund seines Wohnortes, seiner Berufsarbeit und seines Lebensstils am besten gewährleisten, dass das Kind auch seine wichtigsten Kontakte zu Freunden, Großeltern usw. behalten wird? Oft, aber nicht immer wird es die Mutter sein.

Ist die Entscheidung für die Besuchsfamilie gefallen, sollten die Eltern miteinander überlegen, wie der besuchte vom anderen Elternteil künftig unterstützt werden kann. Bei der Aushandlung der Besuchstage, bei der Planung von Urlauben usw. sollte auf seine Bedürfnisse und Möglichkeiten Rücksicht genommen werden, denn es geht darum, die Besuchszeiten zu stabilisieren. Stehen beide Eltern voll hinter der Besuchsfamilie, wird sich das Kind bald in beiden Haushalten wohl fühlen. Werden Eltern aber inkonsequent, etwa weil der Vater andere Verpflichtungen wichtiger nimmt oder die Mutter das Kind nicht ‚loslassen‘ will, beunruhigen sie das Kind. Es ist sich der Liebe seiner Eltern nicht mehr so sicher, sucht Schuld bei sich selbst und anderes mehr.

Der Anspruch des Kindes auf beide Eltern kann zwar auch erfüllt werden, wenn sich die Besuche auf wenige Stunden pro Woche beschränken. Doch das Risiko, dass Fünf- oder Acht-Stunden-Besuche misslingen und weder die Erwartungen des Kindes noch der Eltern erfüllen, ist relativ hoch. Dennoch wird diese Minimalvariante von Männern bevorzugt, die sich mehr Vaterzeit und mehr Vaterarbeit nicht leisten wollen, aber auch von Frauen, die ihre Kinder eher nicht mit dem Expartner teilen wollen.

Manche Männer werden nach der Trennung engagiertere Väter!

Dass Familienleben und Haushalt in der Perspektive des Kindes nicht mehr zusammenfallen, beunruhigt zunächst fast jedes Kind, unabhängig davon, ob und wie die Eltern kooperieren. Wenn es aber erlebt, in zwei Haushalten abwechselnd von Mutter und Vater zuverlässig umsorgt zu werden, findet es bald wieder Ruhe und Sicherheit und sagt beispielsweise: „Ich habe zwei Familien: eine bei meiner Mutter und eine bei meinem Vater.“ Das ist tröstlich für getrennte Eltern, die sich zumindest anfangs große Sorgen um ihre Kinder machen und unter Schuldgefühlen leiden. Eine solche Erfahrung und Wahrnehmung des Kindes ist in der gut organisierten Besuchsfamilie, in zwei gleichwertigen Zuhause und im Nest möglich. In jedem Fall setzt sie die freundschaftliche oder zumindest sachliche Zusammenarbeit der Eltern voraus.

Hier finden wir auch einen Teil jener Männer, die als „neue Väter“ bezeichnet werden, weil sie intensivere Elternarbeit leisten als die große Mehrzahl der Väter, die bloß „Miterzieher“, Assistenten der Mütter sind. Neue Väter nehmen ihre Vaterarbeit ähnlich ernst wie eine Berufsarbeit, entlasten die Mütter und werden für die Kinder deutlich präsenter. Neben allen Schwierigkeiten, die eine Trennung der Eltern mit sich bringt, wirkt sie in solchen Fällen auch emanzipierend. Mann, Frau und Kind befreien sich tendenziell aus den Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern des Patriarchats. Die seit Jahrzehnten beklagte Unsichtbarkeit der Väter für ihre Kinder (A. Mitscherlich) – vorwiegend eine Folge ihrer Erwerbsarbeit, in die Kinder oft keinerlei Einblick haben – kann durch die Gründung eines eigenen Vater-Kind-Haushalts und die hier möglichen gemeinsamen Erlebnisse von Vater und Kind zumindest verringert werden. Tritt eine neue Ehe- oder Lebenspartnerin in den Haushalt ein, profitiert sie – wie auch leibliche Kinder des neuen Paares – von einem über seine Vaterarbeit emanzipierten Mann.

Zerstrittene Eltern und verlorene Väter

Treten Eltern ohne Einigung über die weitere Organisation ihrer Elternarbeit vor den Scheidungsrichter, erklärt dieser in der Regel den Haushalt der Mutter zum Hauptwohnsitz des Kindes. Der Vater erhält ein auf bestimmte Tage und Stunden limitiertes Besuchsrecht. Doch die gerichtlich angeordnete Besuchsregelung trifft sehr häufig auf wenig kompetente Eltern. Oder anders herum: Nur wenig kompetente Eltern lassen es so weit kommen. Männer wissen in den wenigen Stunden mit ihrem Kind wenig anzufangen, andere erscheinen gar nicht zu den vereinbarten Treffen oder leisten keine Alimente. Davon genervte Frauen, die die Enttäuschung des Kindes hautnah erleben, versuchen den nächsten Besuch des Kindes beim Vater unter Vorwänden zu verschieben oder sagen ihn ab. Die Beziehung von Vater und Kind läuft zunehmend Gefahr, abgewertet, ausgedünnt oder vollends abgebrochen zu werden. Selbst gewalttätigen Männern wird zwar zunächst oft ein limitiertes Besuchsrecht zugestanden; doch bekämpfen es ihre Expartnerinnen oft mit Erfolg, oder die Kontakte zwischen Vater und Kind laufen mangels Interesse des Mannes aus.

Über die Auswirkungen des Vater-Verlustes herrschte lange Zeit Uneinigkeit. Die feministische Debatte der 1970er und 1980er Jahre redete sie naturgemäß klein. In letzter Zeit nimmt auf der Grundlage der Säuglings-, Kindheits- und Jugendforschung die Wertschätzung des Vaters wieder deutlich zu. Besonders drei Erkenntnisse geben einer qualitativ hinreichenden Präsenz des Vaters für die Entwicklung des Kindes hohes Gewicht. Schon der Säugling erwirbt in der Triade von Mutter, Vater und Kind (im „primären Dreieck“) ein Selbstempfinden, welches der späteren Entwicklung seines Selbstbewusstseins (das dann schon an Sprache gebunden ist) eine affektive Grundlage verschafft. Solche Kinder identifizieren sich später sowohl mit weiblichen als auch mit männlichen Handlungs- und Deutungsmustern, werden weder Machos noch Weibchen und lösen Konflikte weniger aggressiv.

Die zweite Erkenntnis: Eine starke Identifikation des kleinen Kindes mit dem Vater vermittelt ihm ein Gefühl von Sicherheit, welches es später die ödipalen Konflikte mit ihm (die unbewusste Konkurrenz um die Liebe der Mutter, die Ängste und Aggressionen im Kind auslöst) leichter durchstehen lässt.

Die dritte Erkenntnis: In der Adoleszenz vollzieht sich – die frühe, idealisierende Beziehung zu beiden Eltern vorausgesetzt – eine ebenso notwendige Entidealisierung beider Eltern. Wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kind auch deshalb ambivalenter, konfliktreicher und schwieriger wird, ist die Präsenz des Vaters, der sich dem Kind sorgend entgegenstellt, ebenso wichtig wie die zuverlässige Präsenz der Mutter. Beide Eltern ermöglichen es auf ihre Weise dem Kind, sich mit dem Realitätsprinzip auseinanderzusetzen. Es wird danach weniger gefährdet sein, sich Anforderungen der Schule, der Lehre etc. zu entziehen oder gar in Passivität, Schulverweigerung, Drogen oder in Peer-Groups zu flüchten, die schwächere Außenfeinde bekämpfen (Hooligans, Rechtsradikale u. a.). Elterliche Präsenz meint allerdings nicht, dass Mutter und Vater dauernd mit dem Kind im selben Haushalt leben müssen. Auch ein regelmäßiger Wechsel des Kindes zwischen den Haushalten des Vaters und der Mutter ermöglicht bei entsprechendem Engagement eine hinreichende Sorge und Präsenz beider Eltern.

Überlastende Bindungen, Double-binds und andere Schwierigkeiten

Nicht erst nach der Trennung, aber besonders dann neigen Eltern dazu, ihre Kinder sehr eng an sich zu binden. Das Kind kann dadurch psychisch und sozial überlastet werden. Drei Hauptvarianten sind zu unterscheiden:

  • Erstens die Neigung, das Kind in der ersten Zeit nach der Trennung in die Rolle eines Lebenspartners zu drängen. Das Kind kann davon zwar profitieren, wenn es für seine Leistungen Liebe und Wertschätzung erhält. Doch erleidet es auch Nachteile, wenn seine Beziehungen zu Geschwistern, zu anderen Kindern oder zum anderen Elternteil blockiert werden.
  • Zwischen den verfeindeten Familien getrennter Eltern finden wir, zweitens, den überfordernden Auftrag an das Kind, die Mutter oder den Vater zu rächen, sie aus ihrer Verzweiflung zu retten oder die vermeintliche Schuld / Unschuld eines Elternteils zu bezeugen.
  • Vor allem in Mutter-Kind-Familien, die zahlreich nach Trennungen und Scheidungen entstehen ist mitunter, drittens, die Umkehrung der Hierarchie von Elternteil und Kind zu beobachten: Das Kind soll die Mutter für den erlittenen Verlust wie ein Elternteil trösten oder entschädigen.

Jede Mutter und jeder Vater stattet sein Kind bewusst und unbewusst mit Aufträgen, sog. Delegationen, aus. Sie sind unvermeidlich, notwendig und oft kein Problem. Doch andauernd verfeindete getrennte Eltern neigen zu einer besonderen, kontradiktorischen Delegation. „Erzähle uns genau, wie es in der anderen Familie zugeht! Aber erzähle ihnen nichts über uns!“ sagt beispielsweise die Mutter zum Kind und ahnt, dass der Vater auf der anderen Seite genau dasselbe verlangt. „Vergiss Deinen leiblichen Vater und nimm nicht ernst, was er sagt!“ sagt die Mutter zum Kind. „Du bist und bleibst mein Kind! Also höre auf mich!“, sagt hingegen der Vater. Das Kind kann solche einander widersprechenden Aufträge unmöglich erfüllen. Es entwickelt Strategien des Ausweichens und Schweigens und legt sich Erzählungen von Teilwahrheiten zurecht. So erscheint es den Eltern und deren neuen Partnern bald als unehrlich, treulos oder verstockt.

Die oft von unbewussten Schuldgefühlen geplagten Eltern glauben, das Kind habe einen „Scheidungsknacks“ erlitten. Viele wollen das Kind ausgerechnet in dieser schwierigen Phase verstärkt disziplinieren oder einer psychotherapeutischen Behandlung zuführen. Dass sie die Schwierigkeiten des Kindes selber erzeugen, sehen sie meistens nicht. (In solchen Fällen ist oft neben einer Familientherapie, die die einzelne, neu gebildete Familie stärken kann, auch eine Mediation angemessen, die die zwei Familien der Ex-Partner miteinander in Kontakt bringt. Zwei getrennte Eltern, ihre neuen Ehe- oder Lebenspartner sowie ihre Kinder suchen hier mit Mediatoren nach besseren Lösungen für das Pendeln der Kinder, für die Urlaube und dergleichen.)

Nicht selten fordert ein Elternteil seinen neuen Ehe- oder Lebenspartner auf, dem Kind ein besserer oder rettender Elternteil zu sein und darüber den Expartner „vergessen“ zu machen. Doch der neue Partner kann solches unmöglich leisten. Versucht er es doch, stößt er meist auf den Widerstand des Kindes, das seinen Vater oder seine Mutter weder abgewertet noch ersetzt wissen will.

Der neue Ehe- oder Lebenspartner kann das Kind seines Partners nicht von heute auf morgen wie sein eigenes lieben. Besser sollte er sich um den behutsamen Aufbau einer Freundschaft zu ihm bemühen. Wenn der neue Partner über den abwesenden Elternteil grundsätzlich wertschätzend spricht und alles vermeidet, was ihn aus seiner Elternarbeit verdrängen könnte, wird das Kind ihn dafür wertschätzen, irgendwann vielleicht sogar lieben! Aber eben doch anders, als es seine beiden Eltern seit seiner frühesten Kindheit zu lieben gelernt hat.

Die Schwierigkeiten des Anfangs einer Patchworkfamilie
In den ersten Monaten geraten neu gebildete Paare mit Kindern aus vorherigen Familien in eine besonders subtile Schwierigkeit: Bei jedem kleinen oder großen Konflikt stellt sich der leibliche Elternteil vor sein Kind, weil er meint, es verteidigen und schützen zu müssen. Das ist oft die schwerste Zeit für den neuen Partner. Die Erwachsenen kennen das Phänomen zwar aus ihren früheren Familien. Im Zusammenleben von Frau, Mann und Kind bilden sich immer wieder Dyaden, und einer, oft der Mann, wird für kurze Zeit ausgeschlossen. Doch das Wissen darum hilft wenig, wenn dem eben erst neu gebildeten Paar noch die gemeinsame Erfahrung solcher Konflikte und ihrer Bewältigung fehlt.

Erschwerend kommt in vielen Fällen dazu, dass das Kind gegen den neuen Lebenspartner des Elternteils intrigiert, weil es die Trennung der Eltern noch nicht akzeptieren kann. Die Macht des Kindes ist nicht zu unterschätzen. Vor allem spielt es oft recht ‚erfolgreich‘ mit dem schlechten Gewissen seiner Eltern. Manche eben erst neu gebildeten Paare scheitern beinahe oder auch tatsächlich daran. Andere kommen angesichts dieser Leiden auf die vermeintlich rettende Idee, ein gemeinsames leibliches Kind würde sie vor der Wiederholung solcher Konflikte bewahren und ihnen helfen, zu einer „wirklichen Familie“ zusammenzuwachsen. Doch bald müssen sie erkennen, dass auch das gemeinsame Kind nicht der Kitt der Familie ist. Was Familien heute noch einigermaßen zusammenhält, ist nicht das Blut, sondern der tägliche Versuch, empfindsam und sorgsam miteinander umzugehen.

Gibt es für das neue Paar die Chance auf Glück?

Entgegen einer Rhetorik, die den getrennten Eltern ins Gewissen redet, als hätten sie jedes Recht auf eigenes Glück verspielt, ist dem neuen Paar zu raten, sich immer wieder Eigenzeit zu verschaffen, um nicht an den Mühen des Familienlebens zu scheitern. Nur ein Paar, das seiner intimen Beziehung Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, wird in Bezogenheit wachsen und die anfängliche Liebe in eine dauerhaftere Gefährtenschaft verwandeln können. Ein ausgewogenes Verhältnis von Elternzeit und Paarzeit ist noch schwerer herzustellen, wenn beide Partner Kinder aus vorherigen Familien bei sich haben und eventuell auch gemeinsame leibliche Kinder bekommen. Jüngste Forschungen zeigen: Solche Patchwork-Familien funktionieren nur dann, wenn sich die Beteiligten auf die regelmäßig wechselnden Konstellationen einstellen können.

Mann und Frau leben einige Tage mit ihren und seinen und den gemeinsamen Kindern. Wenn dann seine und ihre Kinder für einige Tage zum anderen Elternteil ziehen, lebt das Paar allein oder ‚nur‘ mit dem gemeinsamen Kind. Doch schon einige Tage danach stellt sich das Patchwork wieder her. Hinzu kommt, dass Expartner, oft auch Großeltern beteiligt sind, sei es weil ein Kind von seinem abwesenden Elternteil spricht oder mit ihm telefoniert, um das nächste Wochenende oder ein Geburtstagsfest zu organisieren; oder weil Großeltern Aufgaben aufnehmen. In gut gelingenden Fällen, und die gibt es gar nicht so selten, zeigt sich das komplexe Familiensystem vor allem bei Kinder- und Familienfesten in seiner bunten Lebendigkeit.

Dass es nicht mehr die alte Festung Familie ist, liegt auf der Hand. Die Grenzen des Haushalts sind nicht die Grenzen des Familienlebens, vor allem nicht für die Kinder. Wie sehr Erwachsene und Kinder zusammengehören, erweist sich jeden Tag aufs Neue und immer ein bisschen anders. Das aber ist keine schlechte Chance für die Entwicklung sozialer, kognitiver und psychischer Fähigkeiten der Kinder. Und auch keine schlechte Chance für Mann und Frau, ihre Kompetenzen als Eltern weiter zu entwickeln. Doch sollten sie über ihre Leidenschaft als Eltern nicht darauf vergessen, dass auch die Intimpartnerschaft ihre Nahrung (Zeit, Zärtlichkeit, Kommunikation) braucht, ist sie doch die fragilste Beziehung von allen.

Reinhard Sieder

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Österreichisches Institut für Familienforschung

Österreichisches Institut für Familienforschung

6. September 2008 Newsletter abonnieren

Das Österreichische Institut für Familienforschung an der Universität Wien, sieht im Modell der Doppelresidenz ein bedeutendes Lebensmodell für Kinder von getrennt lebenden Eltern, welchem sie in der regelmäßig erscheinenden Informationsschrift „beziehungsweise“, vom 16.5.2008 viel Platz einräumt.

Zum einen wird die Plattform Doppelresidenz im Rahmen eines Interviews, auf zwei Seiten vorgestellt.
Titel: Gleich viel Zeit bei Vater und Mutter

Zum anderen wird auf das neue Buch von Reinhard Sieder „Patchworks – Das Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder“ verwiesen. Reinhard Sieder ist Familienforscher und sieht im „Zwei-Zuhause-Modell“ die beste Lebensform für Kinder nach der Scheidung.
Titel: Ein weißer Fleck weniger

Klicken Sie hier, wenn Sie die Artikel lesen möchten.

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Getrennt als Paar, als Eltern verbunden

Getrennt als Paar, als Eltern verbunden

25. Mai 2008 Newsletter abonnieren

Univ.-Prof. Dr. Reinhard Sieder, Univ.-Prof. Dr. Remo Largo: Getrennt als Paar, als Eltern verbunden. Wie Kinder gut begleitet werden.
Zum Anhören Klicken sie auf der ausgeführten Seite auf die gelb/orange Schrift.

Zum Vortrag

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Familie D

Familie D

13. April 2008 Newsletter abonnieren

Meine Geschichte

Mein Name ist Norbert Cuba. Ich bin Goldschmied und Designer und 39 Jahre alt. Ich habe eine Tochter. Ihr Name ist Xenia Beatrice Cuba. Ich liebe meine Tochter, wie man als Vater sein Kind nur lieben kann.

Als meine Exfrau und ich uns vor 12 Jahren scheiden ließen, gab es das Sorgerecht für beide Elternteile in Österreich noch nicht. Die Aussage vom Richter war aber eindeutig:
1. Er würde ein doppeltes Sorgerecht nie befürworten und
2. Alle Punkte, worüber man sich nicht einig wird, kommen zu Gericht und werden von dort aus entschieden.
3. Wir haben ja auch ganz alleine zusammengefunden, also wäre das Auseinanderfinden auch im Alleingang die beste Variante.
Die Aussage hat schon was! Ich muss sagen, es hat mich wirklich nachhaltig inspiriert.

Für mich warfen sich folgende Fragen auf:
Mit welchem Recht nehme ich meiner Tochter ihre leibhaftige Mutter????
Oder, was muss passieren, dass ich so etwas tue?
Im Leben meiner Tochter zu ihrer Mutter hat sich ja nichts verändert.
In diesem Moment war mir klar, dass meine Exfrau plötzlich im „Leo“ stand, denn die Eltern werden immer die Eltern bleiben.
Also anders ausgedrückt, alles was ich Böses zu meiner Exfrau hinüberwerfe, bekomme ich postwendend über meine Tochter zurück.

Für mich hat Auseinandergehen sehr viel mit Vergebung, Loslassen und einen ordentlichen Patzen an Geduld zu tun. Das meine Exfrau und ich uns beide um unser Kind kümmern wollen stand immer außer Frage. In noch intakter Beziehung hatte jeder seine Fixtage für Familie und Freizeit. Das wollten wir beibehalten, mit der Möglichkeit eines Neuanfangs. Die Vorteile dieser Regelung waren enorm.

Jeder von uns hatte Zeit für das Kind, für sich selbst und für die Arbeit. Es gab keine Notwendigkeit den anderen um Geld zu bitten. Warum auch, denn jeder sorgt für das Kind zu gleichen teilen.

Hinsichtlich der Aufteilung einigten wir uns für eine sehr dynamische Version.
Montag, Mittwoch fix bei Papa
Dienstag, Donnerstag fix bei Mama
Freitag, Samstag, Sonntag abwechselnd.
Immer bezugnehmend darauf, wie sich meine Tochter dabei fühlt. Mit Problemen hatten wir immer zu kämpfen, aber das hat man auch vor der Scheidung oder??!!

Hinsichtlich der Handhabung mit dem Gewand, sind wir auf folgende Lösung gekommen:
Keiner wäscht für den anderen. Wenn meine Tochter zu mir kommt und sich am Abend auszieht, werden alle ihre Sachen in ein Sackerl gegeben. Und genauso hält sich meine Exfrau daran. Beim nächsten Treffen tauschen wir die Sackerl aus und fertig.

Wir wollten uns aber nicht treffen. Nun, wir hatten damals den Vorteil, dass ich beim Ausziehen die Nachbarwohnung bekommen hatte. Ich montierte eine recht große Kiste an meiner Eingangstüre und gab meiner Exfrau einen Schlüssel dazu. Also, wenn ich am nächsten Morgen fort ging, habe ich ihre Sachen in den Kasten gesperrt und umgekehrt. Und siehe da, es hat wirklich funktioniert.

Ort der Übergabe des Kindes war zuerst der Kindergarten und später die Schule. Auch hier keine Berührung mit dem Expartner, denn der Eine brachte sie hin und der Andere holte sie ab.

Entstehende Fixkosten wie Schul-, Hortgeld etc. werden geteilt und einmal im Monat abgerechnet. Die Kinderbeihilfe wird ebenfalls aufgeteilt.

Ich weiß, da werden jetzt viele große Augen machen was alles geht, aber lasst euch nicht dazu hinreißen dem Ex eines auszuwischen, denn es wird euch mehr kosten als euch lieb ist, in emotionaler, aber auch in finanzieller Hinsicht .

Mein Wunsch wäre es, dass die Frage danach, wer die Obsorge bekommen soll ganz verschwindet. Denn die Eltern werden immer die Eltern bleiben.

Norbert

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Familie A

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13. April 2008 Newsletter abonnieren

Wie wars vor der Trennung?

  • Wer hat die Kinder wieviel betreut?

Da ich in Karenz war, habe ich die Kinder überwiegend betreut. Ihr Vater war aber sehr wohl präsent, da er als Volksschullehrer arbeitet und schon am frühen Nachmittag zu Hause war und sich dann um die Kinder gekümmert hat.

  • Wer war in Karenz?

Ich

  • Wie kam es zur Entscheidung – Doppelresidenz?

Mein Exmann wollte für seine Kinder da sein und sich gleichberechtigt um sie kümmern, außerdem hatten wir Freunde, die es auch so gelebt haben und bei denen es gut funktioniert. Eine Motivation für meinen Exmann war sicher auch, dass er keine Alimente zahlen wollte.

  • Wie alt waren die Kinder?

Mein Exmann ist ausgezogen wie meine Kinder 2, 3,5 und 7 Jahre alt waren.

  • Was hatte „das Gericht“ (ev. Jugendamt) für eine Haltung dazu?

Anfänglich war der Richter dagegen und wollte unseren Vergleich nicht unterschreiben, wir konnten ihn aber im Gespräch davon überzeugen, dass wir bereits ein Jahr so leben und dass es gut funktioniert. Es wurden zwar Alimente festgesetzt, da es vom Gesetz nicht vorgesehen ist, dass die Kinder genau 50:50 bei ihren Eltern leben. Die Kinder sind bei mir gemeldet und am Papier 16 Tage des Monats bei mir, 14 Tage bei ihrem Vater. Daraus ergibt sich, dass mein Exmann für die Kinder Alimente zahlen muss. Es fließen aber keine Zahlungen zwischen uns, weil die Kinder in der Realität die Hälfte der Zeit bei mir, die Hälfte bei ihrem Vater leben.

  • Wie schaut das konkrete DR – Modell aus?

Die Kinder sind immer Montag und Dienstag bei ihrem Vater, Mittwoch bis Freitagnachmittag bei mir und die Wochenenden immer abwechselnd bei ihm oder mir. Ferien werden extra ausgemacht.

  • Gab es Änderungen seit der Trennung?

Nein

  • Konkreteres zu Entfernung der Eltern zueinander, Schulbesuch, Kleider- undSpielsachen Transport u.a.m zum gelebten Alltag?

Wir leben im selben Ort, ca. 10 Gehminuten voneinander entfernt. Wir haben ein gemeinsames Auto, das immer derjenige hat, bei dem die Kinder sind. Die Kinder haben in beiden Haushalten ihre Spielsachen, manche Sachen werden hin und her geführt, da sie nur einmal vorhanden sind (Sportausrüstung, Gameboy, etc.). Die Kleidung wird nicht getrennt „verwaltet“. Ich beziehe die Kinderbeihilfe und kaufe alles für die Kinder (Kleidung, Schulsachen,etc.) und bestreite alle Ausgaben für das Auto. Lediglich größere Ausgaben werden geteilt (Zahnspange, Schullandwoche, etc). Der Schulbesuch ist von beiden Haushalten aus unkompliziert, da der Schulbus von beiden Häusern erreichbar ist. Kindergeburtstage werden einmal bei mir, einmal bei ihm unter Beteiligung beider Elternteile gefeiert.

  • Wie ist die Haltung der Kinder dazu und wie gehen sie damit um?

Die Kinder sind sicher froh, dass sie beide Elternteile gleich viel sehen, sind aber manchmal verwirrt und fragen, wann sie bei wem sind.

Was sind die Probleme mit der Doppelresidenz?

  • Fürs Kind bzw. die Kinder?

Der Wechsel zwischen den Eltern ist für meine beiden jüngeren Kinder sicher manchmal schmerzlich und es ist mir bewusst, dass v.a. mein jüngerer Sohn (6) unter den vielen „kleinen Trennungen“ (manchmal zweimal/Woche) sehr leidet. Alle drei Kinder sagen, dass sie den Elternteil, bei dem sie gerade nicht sind, sehr vermissen. Die ersten paar Stunden nach dem Wechsel sind meine jüngeren Kinder immer ziemlich überdreht und ich hab das Gefühl, dass sie es mir übel nehmen, dass wir uns nicht täglich sehen.

  • Für die Erwachsenen?

Organisatorisch manchmal recht aufwändig. Ohne die Unterstützung der Großeltern beider Seiten wäre es nicht machbar, so zu leben. Die Planung der Wochenenden ist ziemlich kompliziert, da beide Elternteile neue Partner haben, mit denen sie nicht zusammen leben und es oft schwierig ist, eine für alle zufriedenstellende Lösung zu finden. Erwähnen möchte ich außerdem, dass es oft schwierig ist, die Ansichten/Lebensweise des Vaters meiner Kinder zu akzeptieren, v.a. wenn Dinge passieren, die ich nicht für gut für unsere Kinder halte. Ich nehme an, dass es ihm umgekehrt genauso geht. Außerdem ist meine finanzielle Lage nicht besonders gut. Mein Exmann und ich haben zwei komplette Haushalte und für die Kinder wurde fast alles doppelt angeschafft, wodurch ich gezwungen bin, einem Nebenjob nachzugehen.

Warum sind wir als Eltern überzeugt, dass wir für die Kinder das beste Modell gefunden haben. Worin sehe ich den Vorteil in der Doppelresidenz des Kindes/der Kinder

  • Fürs Kind?

Die Kinder haben kontinuierlich engen Kontakt zu beiden Elternteilen und wissen, dass das den Eltern sehr wichtig ist. Der Vater kommt nicht abhanden (wie in so vielen Fällen). Die Kinder können ihn/mich jederzeit anrufen und es ist auch kein Problem, Sachen, die sie bei ihrem Vater/bei mir vergessen haben, zu holen.

  • Für die Erwachsenen?

Beide Elternteile sind in gleicher Weise für die Kinder verantwortlich und erleben den Alltag mit ihnen. Keine Degradierung zum „Wochenendpapa“. Auch für die „unangenehmen“ Agenden wie Arztbesuche, Schulaufgaben, etc. fühlen sich beide Elternteile verantwortlich. Durch das Modell der Doppelresidenz habe ich überdurchschnittlich viel Freizeit, verglichen mit anderen Müttern, was es mir ermöglicht, auch noch ein Leben abseits von 2 Jobs und Kindern zu haben. Diese Zeit, die ich nach meinen Bedürfnissen verbringen kann, ist notwendig, um wieder Energie zu tanken, die ich im Zusammenleben mit meinen Kindern brauche.

Würde ich beim nächsten Mal was anders machen?

Davon ausgehend, dass Trennungen für Kinder sehr schmerzhaft sind, halte ich das Modell der Doppelresidenz mit den Möglichkeiten und Ressourcen, die mir und dem Vater meiner Kinder zur Verfügung stehen, sowie mit unserer Einstellung, dass wir gleichberechtigt die Verantwortung für unsere Kinder übernehmen wollen, für die beste Lösung nach unserer Trennung.

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