Patchworks. Über das Leben mit Kindern nach der Trennung der Eltern.

Der Text wurde von Univ.-Prof., Reinhard Sieder am 30.8.08 in der Tageszeitung „DerStandart“ veröffentlicht und von ihm der Plattform Doppelresidenz zur Verfügung gestellt.

Reinhard Sieder ist Dozent in der Ausbildung von System-, Paar- und Familientherapeuten. Weiters Sozialhistoriker und Familiensoziologe an der Uni Wien.

Patchworks. Über das Leben mit Kindern nach der Trennung der Eltern.

Die jüngst berichteten Zahlen überraschen niemanden mehr. Wer hätte auch anderes erwartet. Von 2000 bis 2007 kletterte die Gesamtscheidungsrate in Österreich von 43,1 auf fast 50 Prozent. Die Zahl der pro Jahr betroffenen Kinder hingegen fiel von 22.271 auf 21.061, ein Effekt der gesunkenen Geburtenraten (Statistik Austria). Wie verändern die Scheidungen das Zusammenleben von Eltern und Kindern? Produziert die Gesellschaft tatsächlich jedes Jahr mehr als 20.000 „Scheidungswaisen“? Verlieren die Kinder einen Elternteil – oder gestalten Eltern und Kinder das Familienleben neu?

An einer Ausgangsbedingung ist nicht zu zweifeln: Das Kind liebt seine Eltern und will sie beide behalten. Trennen sich Eltern, sind sie grundsätzlich verpflichtet zu erwägen, wie sie dem Kind ein Familienleben mit beiden Eltern organisieren können. Zunächst geht es dabei – ganz pragmatisch – um die Wohnform. Doch mit ihr verbinden sich verschiedene Möglichkeiten, die Beziehungen zwischen den Eltern und dem Kind zu gestalten. Die folgende Checkliste kann Eltern dabei helfen, die für sie und ihre Kinder richtige Wohnform zu wählen.

Doppelresidenz, Nest oder Besuchsfamilie?

Zunächst sollten sie gemeinsam erörtern: Spricht etwas dagegen, dass unser Kind abwechselnd bei Mutter und Vater lebt? Dass es also zwei Zuhause erhält? (Modell Doppelresidenz) Wichtig ist hier, dass Mutter und Vater abwechselnd die elterlichen Aufgaben voll und ganz übernehmen und sich dabei unterstützen. Oder spricht etwas für das Nest-Modell? Hier bleiben die Kinder in der Familienwohnung, Mutter und Vater beziehen eigene Wohnungen und kehren abwechselnd in das Nest zurück, um mit den Kindern zu leben und für sie zu sorgen. Das Nest-Modell bietet sich an, wenn mit der (ehemals) ehelichen Wohnung besondere Vorteile für das Kind, etwa das nachbarliche Umfeld, die Haustiere, die Nähe zu Kindergarten und Schule etc. verbunden sind. Ein Nachteil sind die hohen Kosten. Neben der Nest-Wohnung müssen zwei weitere Wohnungen für die getrennten Eltern finanziert werden.

Erscheint weder die Doppelresidenz noch das Nest realisierbar, bleibt die Möglichkeit, bei jenem Elternteil, der den Familienhaushalt verlässt, eine Besuchsfamilie einzurichten. Das Kind kann sich auch hier beider Eltern sicher sein, sofern sich der besuchte Elternteil, meistens der Vater, hinreichend Zeit nimmt und ein eigenes Kinderzimmer oder zumindest ein eigenes Bett und eine Spiel- oder Lernecke vorsieht. Da die Besuchsfamilie möglichst alltägliche Züge annehmen soll, empfiehlt es sich, dass das Kind nicht nur am Wochenende, sondern jeweils über mehrere Tage, auch Wochentage, hier wohnt.

Die meisten Eltern entscheiden sich für die Besuchsfamilie, beschränken sie jedoch sehr oft auf die Wochenenden. Die Motive für diese Entscheidung sind sehr verschieden. Vielen scheint es natürlich, dass das Kind überwiegend im Haushalt der Mutter lebt. Sie gehen davon aus, dass die Mutter auch künftig den weitaus größeren Teil der Eltern- und der Hausarbeit leisten wird. Zu wenige Eltern überlegen ernsthaft: Wer von uns beiden kann am besten garantieren, dass das Kind regelmäßig mit der Mutter und mit dem Vater leben wird? Welcher Elternteil kann aufgrund seines Wohnortes, seiner Berufsarbeit und seines Lebensstils am besten gewährleisten, dass das Kind auch seine wichtigsten Kontakte zu Freunden, Großeltern usw. behalten wird? Oft, aber nicht immer wird es die Mutter sein.

Ist die Entscheidung für die Besuchsfamilie gefallen, sollten die Eltern miteinander überlegen, wie der besuchte vom anderen Elternteil künftig unterstützt werden kann. Bei der Aushandlung der Besuchstage, bei der Planung von Urlauben usw. sollte auf seine Bedürfnisse und Möglichkeiten Rücksicht genommen werden, denn es geht darum, die Besuchszeiten zu stabilisieren. Stehen beide Eltern voll hinter der Besuchsfamilie, wird sich das Kind bald in beiden Haushalten wohl fühlen. Werden Eltern aber inkonsequent, etwa weil der Vater andere Verpflichtungen wichtiger nimmt oder die Mutter das Kind nicht ‚loslassen‘ will, beunruhigen sie das Kind. Es ist sich der Liebe seiner Eltern nicht mehr so sicher, sucht Schuld bei sich selbst und anderes mehr.

Der Anspruch des Kindes auf beide Eltern kann zwar auch erfüllt werden, wenn sich die Besuche auf wenige Stunden pro Woche beschränken. Doch das Risiko, dass Fünf- oder Acht-Stunden-Besuche misslingen und weder die Erwartungen des Kindes noch der Eltern erfüllen, ist relativ hoch. Dennoch wird diese Minimalvariante von Männern bevorzugt, die sich mehr Vaterzeit und mehr Vaterarbeit nicht leisten wollen, aber auch von Frauen, die ihre Kinder eher nicht mit dem Expartner teilen wollen.

Manche Männer werden nach der Trennung engagiertere Väter!

Dass Familienleben und Haushalt in der Perspektive des Kindes nicht mehr zusammenfallen, beunruhigt zunächst fast jedes Kind, unabhängig davon, ob und wie die Eltern kooperieren. Wenn es aber erlebt, in zwei Haushalten abwechselnd von Mutter und Vater zuverlässig umsorgt zu werden, findet es bald wieder Ruhe und Sicherheit und sagt beispielsweise: „Ich habe zwei Familien: eine bei meiner Mutter und eine bei meinem Vater.“ Das ist tröstlich für getrennte Eltern, die sich zumindest anfangs große Sorgen um ihre Kinder machen und unter Schuldgefühlen leiden. Eine solche Erfahrung und Wahrnehmung des Kindes ist in der gut organisierten Besuchsfamilie, in zwei gleichwertigen Zuhause und im Nest möglich. In jedem Fall setzt sie die freundschaftliche oder zumindest sachliche Zusammenarbeit der Eltern voraus.

Hier finden wir auch einen Teil jener Männer, die als „neue Väter“ bezeichnet werden, weil sie intensivere Elternarbeit leisten als die große Mehrzahl der Väter, die bloß „Miterzieher“, Assistenten der Mütter sind. Neue Väter nehmen ihre Vaterarbeit ähnlich ernst wie eine Berufsarbeit, entlasten die Mütter und werden für die Kinder deutlich präsenter. Neben allen Schwierigkeiten, die eine Trennung der Eltern mit sich bringt, wirkt sie in solchen Fällen auch emanzipierend. Mann, Frau und Kind befreien sich tendenziell aus den Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern des Patriarchats. Die seit Jahrzehnten beklagte Unsichtbarkeit der Väter für ihre Kinder (A. Mitscherlich) – vorwiegend eine Folge ihrer Erwerbsarbeit, in die Kinder oft keinerlei Einblick haben – kann durch die Gründung eines eigenen Vater-Kind-Haushalts und die hier möglichen gemeinsamen Erlebnisse von Vater und Kind zumindest verringert werden. Tritt eine neue Ehe- oder Lebenspartnerin in den Haushalt ein, profitiert sie – wie auch leibliche Kinder des neuen Paares – von einem über seine Vaterarbeit emanzipierten Mann.

Zerstrittene Eltern und verlorene Väter

Treten Eltern ohne Einigung über die weitere Organisation ihrer Elternarbeit vor den Scheidungsrichter, erklärt dieser in der Regel den Haushalt der Mutter zum Hauptwohnsitz des Kindes. Der Vater erhält ein auf bestimmte Tage und Stunden limitiertes Besuchsrecht. Doch die gerichtlich angeordnete Besuchsregelung trifft sehr häufig auf wenig kompetente Eltern. Oder anders herum: Nur wenig kompetente Eltern lassen es so weit kommen. Männer wissen in den wenigen Stunden mit ihrem Kind wenig anzufangen, andere erscheinen gar nicht zu den vereinbarten Treffen oder leisten keine Alimente. Davon genervte Frauen, die die Enttäuschung des Kindes hautnah erleben, versuchen den nächsten Besuch des Kindes beim Vater unter Vorwänden zu verschieben oder sagen ihn ab. Die Beziehung von Vater und Kind läuft zunehmend Gefahr, abgewertet, ausgedünnt oder vollends abgebrochen zu werden. Selbst gewalttätigen Männern wird zwar zunächst oft ein limitiertes Besuchsrecht zugestanden; doch bekämpfen es ihre Expartnerinnen oft mit Erfolg, oder die Kontakte zwischen Vater und Kind laufen mangels Interesse des Mannes aus.

Über die Auswirkungen des Vater-Verlustes herrschte lange Zeit Uneinigkeit. Die feministische Debatte der 1970er und 1980er Jahre redete sie naturgemäß klein. In letzter Zeit nimmt auf der Grundlage der Säuglings-, Kindheits- und Jugendforschung die Wertschätzung des Vaters wieder deutlich zu. Besonders drei Erkenntnisse geben einer qualitativ hinreichenden Präsenz des Vaters für die Entwicklung des Kindes hohes Gewicht. Schon der Säugling erwirbt in der Triade von Mutter, Vater und Kind (im „primären Dreieck“) ein Selbstempfinden, welches der späteren Entwicklung seines Selbstbewusstseins (das dann schon an Sprache gebunden ist) eine affektive Grundlage verschafft. Solche Kinder identifizieren sich später sowohl mit weiblichen als auch mit männlichen Handlungs- und Deutungsmustern, werden weder Machos noch Weibchen und lösen Konflikte weniger aggressiv.

Die zweite Erkenntnis: Eine starke Identifikation des kleinen Kindes mit dem Vater vermittelt ihm ein Gefühl von Sicherheit, welches es später die ödipalen Konflikte mit ihm (die unbewusste Konkurrenz um die Liebe der Mutter, die Ängste und Aggressionen im Kind auslöst) leichter durchstehen lässt.

Die dritte Erkenntnis: In der Adoleszenz vollzieht sich – die frühe, idealisierende Beziehung zu beiden Eltern vorausgesetzt – eine ebenso notwendige Entidealisierung beider Eltern. Wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kind auch deshalb ambivalenter, konfliktreicher und schwieriger wird, ist die Präsenz des Vaters, der sich dem Kind sorgend entgegenstellt, ebenso wichtig wie die zuverlässige Präsenz der Mutter. Beide Eltern ermöglichen es auf ihre Weise dem Kind, sich mit dem Realitätsprinzip auseinanderzusetzen. Es wird danach weniger gefährdet sein, sich Anforderungen der Schule, der Lehre etc. zu entziehen oder gar in Passivität, Schulverweigerung, Drogen oder in Peer-Groups zu flüchten, die schwächere Außenfeinde bekämpfen (Hooligans, Rechtsradikale u. a.). Elterliche Präsenz meint allerdings nicht, dass Mutter und Vater dauernd mit dem Kind im selben Haushalt leben müssen. Auch ein regelmäßiger Wechsel des Kindes zwischen den Haushalten des Vaters und der Mutter ermöglicht bei entsprechendem Engagement eine hinreichende Sorge und Präsenz beider Eltern.

Überlastende Bindungen, Double-binds und andere Schwierigkeiten

Nicht erst nach der Trennung, aber besonders dann neigen Eltern dazu, ihre Kinder sehr eng an sich zu binden. Das Kind kann dadurch psychisch und sozial überlastet werden. Drei Hauptvarianten sind zu unterscheiden:

  • Erstens die Neigung, das Kind in der ersten Zeit nach der Trennung in die Rolle eines Lebenspartners zu drängen. Das Kind kann davon zwar profitieren, wenn es für seine Leistungen Liebe und Wertschätzung erhält. Doch erleidet es auch Nachteile, wenn seine Beziehungen zu Geschwistern, zu anderen Kindern oder zum anderen Elternteil blockiert werden.
  • Zwischen den verfeindeten Familien getrennter Eltern finden wir, zweitens, den überfordernden Auftrag an das Kind, die Mutter oder den Vater zu rächen, sie aus ihrer Verzweiflung zu retten oder die vermeintliche Schuld / Unschuld eines Elternteils zu bezeugen.
  • Vor allem in Mutter-Kind-Familien, die zahlreich nach Trennungen und Scheidungen entstehen ist mitunter, drittens, die Umkehrung der Hierarchie von Elternteil und Kind zu beobachten: Das Kind soll die Mutter für den erlittenen Verlust wie ein Elternteil trösten oder entschädigen.

Jede Mutter und jeder Vater stattet sein Kind bewusst und unbewusst mit Aufträgen, sog. Delegationen, aus. Sie sind unvermeidlich, notwendig und oft kein Problem. Doch andauernd verfeindete getrennte Eltern neigen zu einer besonderen, kontradiktorischen Delegation. „Erzähle uns genau, wie es in der anderen Familie zugeht! Aber erzähle ihnen nichts über uns!“ sagt beispielsweise die Mutter zum Kind und ahnt, dass der Vater auf der anderen Seite genau dasselbe verlangt. „Vergiss Deinen leiblichen Vater und nimm nicht ernst, was er sagt!“ sagt die Mutter zum Kind. „Du bist und bleibst mein Kind! Also höre auf mich!“, sagt hingegen der Vater. Das Kind kann solche einander widersprechenden Aufträge unmöglich erfüllen. Es entwickelt Strategien des Ausweichens und Schweigens und legt sich Erzählungen von Teilwahrheiten zurecht. So erscheint es den Eltern und deren neuen Partnern bald als unehrlich, treulos oder verstockt.

Die oft von unbewussten Schuldgefühlen geplagten Eltern glauben, das Kind habe einen „Scheidungsknacks“ erlitten. Viele wollen das Kind ausgerechnet in dieser schwierigen Phase verstärkt disziplinieren oder einer psychotherapeutischen Behandlung zuführen. Dass sie die Schwierigkeiten des Kindes selber erzeugen, sehen sie meistens nicht. (In solchen Fällen ist oft neben einer Familientherapie, die die einzelne, neu gebildete Familie stärken kann, auch eine Mediation angemessen, die die zwei Familien der Ex-Partner miteinander in Kontakt bringt. Zwei getrennte Eltern, ihre neuen Ehe- oder Lebenspartner sowie ihre Kinder suchen hier mit Mediatoren nach besseren Lösungen für das Pendeln der Kinder, für die Urlaube und dergleichen.)

Nicht selten fordert ein Elternteil seinen neuen Ehe- oder Lebenspartner auf, dem Kind ein besserer oder rettender Elternteil zu sein und darüber den Expartner „vergessen“ zu machen. Doch der neue Partner kann solches unmöglich leisten. Versucht er es doch, stößt er meist auf den Widerstand des Kindes, das seinen Vater oder seine Mutter weder abgewertet noch ersetzt wissen will.

Der neue Ehe- oder Lebenspartner kann das Kind seines Partners nicht von heute auf morgen wie sein eigenes lieben. Besser sollte er sich um den behutsamen Aufbau einer Freundschaft zu ihm bemühen. Wenn der neue Partner über den abwesenden Elternteil grundsätzlich wertschätzend spricht und alles vermeidet, was ihn aus seiner Elternarbeit verdrängen könnte, wird das Kind ihn dafür wertschätzen, irgendwann vielleicht sogar lieben! Aber eben doch anders, als es seine beiden Eltern seit seiner frühesten Kindheit zu lieben gelernt hat.

Die Schwierigkeiten des Anfangs einer Patchworkfamilie
In den ersten Monaten geraten neu gebildete Paare mit Kindern aus vorherigen Familien in eine besonders subtile Schwierigkeit: Bei jedem kleinen oder großen Konflikt stellt sich der leibliche Elternteil vor sein Kind, weil er meint, es verteidigen und schützen zu müssen. Das ist oft die schwerste Zeit für den neuen Partner. Die Erwachsenen kennen das Phänomen zwar aus ihren früheren Familien. Im Zusammenleben von Frau, Mann und Kind bilden sich immer wieder Dyaden, und einer, oft der Mann, wird für kurze Zeit ausgeschlossen. Doch das Wissen darum hilft wenig, wenn dem eben erst neu gebildeten Paar noch die gemeinsame Erfahrung solcher Konflikte und ihrer Bewältigung fehlt.

Erschwerend kommt in vielen Fällen dazu, dass das Kind gegen den neuen Lebenspartner des Elternteils intrigiert, weil es die Trennung der Eltern noch nicht akzeptieren kann. Die Macht des Kindes ist nicht zu unterschätzen. Vor allem spielt es oft recht ‚erfolgreich‘ mit dem schlechten Gewissen seiner Eltern. Manche eben erst neu gebildeten Paare scheitern beinahe oder auch tatsächlich daran. Andere kommen angesichts dieser Leiden auf die vermeintlich rettende Idee, ein gemeinsames leibliches Kind würde sie vor der Wiederholung solcher Konflikte bewahren und ihnen helfen, zu einer „wirklichen Familie“ zusammenzuwachsen. Doch bald müssen sie erkennen, dass auch das gemeinsame Kind nicht der Kitt der Familie ist. Was Familien heute noch einigermaßen zusammenhält, ist nicht das Blut, sondern der tägliche Versuch, empfindsam und sorgsam miteinander umzugehen.

Gibt es für das neue Paar die Chance auf Glück?

Entgegen einer Rhetorik, die den getrennten Eltern ins Gewissen redet, als hätten sie jedes Recht auf eigenes Glück verspielt, ist dem neuen Paar zu raten, sich immer wieder Eigenzeit zu verschaffen, um nicht an den Mühen des Familienlebens zu scheitern. Nur ein Paar, das seiner intimen Beziehung Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, wird in Bezogenheit wachsen und die anfängliche Liebe in eine dauerhaftere Gefährtenschaft verwandeln können. Ein ausgewogenes Verhältnis von Elternzeit und Paarzeit ist noch schwerer herzustellen, wenn beide Partner Kinder aus vorherigen Familien bei sich haben und eventuell auch gemeinsame leibliche Kinder bekommen. Jüngste Forschungen zeigen: Solche Patchwork-Familien funktionieren nur dann, wenn sich die Beteiligten auf die regelmäßig wechselnden Konstellationen einstellen können.

Mann und Frau leben einige Tage mit ihren und seinen und den gemeinsamen Kindern. Wenn dann seine und ihre Kinder für einige Tage zum anderen Elternteil ziehen, lebt das Paar allein oder ‚nur‘ mit dem gemeinsamen Kind. Doch schon einige Tage danach stellt sich das Patchwork wieder her. Hinzu kommt, dass Expartner, oft auch Großeltern beteiligt sind, sei es weil ein Kind von seinem abwesenden Elternteil spricht oder mit ihm telefoniert, um das nächste Wochenende oder ein Geburtstagsfest zu organisieren; oder weil Großeltern Aufgaben aufnehmen. In gut gelingenden Fällen, und die gibt es gar nicht so selten, zeigt sich das komplexe Familiensystem vor allem bei Kinder- und Familienfesten in seiner bunten Lebendigkeit.

Dass es nicht mehr die alte Festung Familie ist, liegt auf der Hand. Die Grenzen des Haushalts sind nicht die Grenzen des Familienlebens, vor allem nicht für die Kinder. Wie sehr Erwachsene und Kinder zusammengehören, erweist sich jeden Tag aufs Neue und immer ein bisschen anders. Das aber ist keine schlechte Chance für die Entwicklung sozialer, kognitiver und psychischer Fähigkeiten der Kinder. Und auch keine schlechte Chance für Mann und Frau, ihre Kompetenzen als Eltern weiter zu entwickeln. Doch sollten sie über ihre Leidenschaft als Eltern nicht darauf vergessen, dass auch die Intimpartnerschaft ihre Nahrung (Zeit, Zärtlichkeit, Kommunikation) braucht, ist sie doch die fragilste Beziehung von allen.

Reinhard Sieder

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.